Wenn dein Hund Kontakt zu dir aufnimmt, anstatt selbst zu entscheiden und zu pöbeln
Mit freiwilliger Umorientierung ist hineinsteigern, fixieren und eskalieren zukünftig Geschichte.
Du gehst spazieren und plötzlich kommt ein Fußgänger, ein Hund, ein Fahrradfahrer oder ein anderes „Objekt“ um die Ecke. In den meisten Fällen ist das eine Situation, die grundsätzlich unspektakulär und nicht wirklich nennenswert ist. Oder? Ist diese Situation doch bedeutend?
Wahrscheinlich kommt es darauf an, was da um die Ecke kommt und wie dein Hund diesen Reiz empfindet.
Ich habe eine Frage an dich: Wenn plötzlich auf eurem Spaziergang ein Reiz, wie z.B. ein Fußgänger, ein Jogger, ein Fahrradfahrer oder auch ein anderer Hund auftaucht, was macht dein Hund genau in dieser Situation?
Was macht dein Hund, sobald er den Reiz wahrnimmt?
Wenn du keine Ahnung hast, dann heißt deine nächste Aufgabe während des Spaziergangs: Beobachten!
Beobachte deinen Hund wie er reagiert, sobald ein Reiz auf der Bildschirmfläche auftaucht.
Nimmt er den Reiz wahr und macht dann sein Ding weiter? Nimmt er den Reiz nicht nur wahr, sondern beobachtet ihn genau? Bekommt er seinen Blick nicht weg? Schaut er immer intensiver? Steigert er sich rein?
Oder nimmt dein Hund direkt, nachdem er den Reiz entdeckt hat, Kontakt zu dir auf? Fragt dein Hund quasi bei dir ab, wie er sich verhalten soll?
Mach dir doch auch gern eine Liste und kreuze an, bzw. füll die Tabelle mit deinen Beobachtungen und Erkenntnissen.
Wünschenswert wäre es doch, wenn dein Hund entweder den Reiz komplett ignoriert, oder wenn er genau nachdem ein Reiz auf der Bildschirmfläche auftaucht, Kontakt zu dir aufnimmt oder? Wenn dein Hund nicht selbst entscheidet, wie er mit der Situation umgehen soll. Wenn er dich fragt, was ihr jetzt tun sollt. Wenn dein Hund ansprechbar ist und bleibt. Egal welcher Reiz da ist.
Ich hab eine gute Nachricht: Du kannst mit deinem Hund genau das trainieren. Ich hab keine Ahnung wie man das im Hundetrainingsdschungel nennt. Aber ich nenne es freiwillige Umorientierung.
Wenn deine Fellschnute sich gern einmal in Situationen hineinsteigert. Wenn er voll im Außen ist und keinen Blick für dich hat. Wenn du das Gefühl hast, dein Hund findet jeden kommenden Reiz interessanter als dich. Wenn deine Fellschnute selten Kontakt zu dir aufnimmt. Genau dann solltest du an der grundsätzlichen Orientierung und an der freiwilligen Umorientierung trainieren.
Doch was ist freiwillige Umorientierung konkret?
Die freiwillige Umorientierung ist die selbstständige Kontaktaufnahme deines Hundes zu dir. Dein Hund nimmt einen Reiz wahr und entscheidet sich dann, ohne dass du ein Signal verwenden musst, sich zu dir umzuorientieren. Und mit Umorientieren meine ich nicht, dass dein Hund dann direkt zu dir kommt. Mit Umorientieren meine ich, dass dein Hund dich einfach nur kurz ansieht und auf ein weiterführendes Signal wartet. Das weiterführende Signal kann eine Freigabe sein (z.B. ein ok, du darfst) oder ein Signal wie „Sitz“, „bei Fuß“, „Hier her“.
Deine Fellschnute nimmt etwas wahr und nimmt anschließend Kontakt zu dir auf. Er wartet bis du ihm sagst was er tun oder lassen soll. Er entscheidet nicht selbst, sondern spielt dir den Ball zu.
Als Beispiel:
💜 Er sieht einen anderen Hund und anstatt hinzurennen, bleibt er stehen, schaut dich an und wartet.
💜 Es klingelt an der Haustür und anstatt loszubellen schaut dich dein Hund an und „fragt“ was zutun ist.
💜 Dein Hund wird von jemanden begrüßt und anstatt ihn anzuspringen nimmt er Blickkontakt zu dir auf.
💜 Dein Hund hört einen lauten Knall und anstatt zu bellen oder wegzurennen, schaut er zu dir.
Was bringt dir die freiwillige Umorientierung?
Beginnen wir mal beim Urschleim. Welpen sind oft mit ihrer Umwelt unsicher. Wenn ein Reiz auftaucht fragen sie ganz oft durch Blickkontakt zum Halter ab, was sie tun sollen. Wenn man dieses Abfragen nicht weiter beachtet, wenn man dieses Abfragen und Kontakt aufnehmen nicht lobt und bestätigt. Dann lernen die Welpen: „Ok, Mutti und Vati interessiert es anscheinend nicht, die kümmern sich nicht, die geben mir keine Anweisung, dann muss ich halt selbst eine Entscheidung treffen.“
Und wie die Entscheidung, wie der kleine Hund mit einer Situation umgeht, dann aussieht, hängt ganz von dem Charakter und den gemachten Erfahrungen ab.
Im Übrigen, die meisten Hunde, werden in Begegnungssituationen im Regen stehen gelassen. Ihnen wird nicht gesagt, dass es doch einen Vorteil hat sich an Mutti und Vati zu halten. Deswegen lassen sie das mit der freiwilligen und selbstständigen Umorientierung schnell bleiben.
Wenn du jetzt einen älteren Hund hast und nie die freiwillige Umorientierung trainiert hast, dann wird sich dein Hund wahrscheinlich öfters mal bei einem Reiz festgucken, sich mit der Zeit in Situationen hineinsteigern. Er wird mehr im Außen orientiert sein, weil er ja gelernt hat, dass sich die Kontaktaufnahme zu Mutti und Vati nicht so sehr lohnt. Und er wird generell auch nicht mehr so sehr auf seinen Menschen achten.
Durch freiwillige Umorientierung steigern sich die Hunde nicht in Situationen hinein. Sie schauen zwar auf Reize, wie Fußgänger, Radfahrer und Co. Aber bei weitem nicht so intensiv. Sie sind dabei viel entspannter. Sie nehmen mehr Kontakt zu ihrem Menschen auf. Nicht nur in reizärmeren Umgebungen, sondern auch in potenziell schwierigeren Situationen, wie Hundebegegnungen. Sie sind mit der Aufmerksamkeit mehr bei ihrem Menschen. Sie bleiben ansprechbarer.
Der Hauptpunkt ist aber, wenn du freiwillige Umorientierung trainierst, wird dein Hund Kontakt zu dir aufnehmen, sobald ein Reiz auftaucht. Und das ist doch schon eine super Grundlage. Eine Grundlage für den Rückruf unter Ablenkung, für entspanntere Hundebegegnungen und ähnlichen schwierigen Situationen.
Also, als kleines Zwischenfazit: Verbiete deinem Hund bitte nicht das Schauen!
Bring ihm lieber bei, dass es sich lohnt von Reizen abzuwenden.
Im Übrigen ist es total wichtig deinen Hund aus dem Fixieren und Starren herauszuholen.
In der Hundekommunikation ist das Abwenden des Blickes eine Freundlichkeitsgeste. Es entspannt die Situation und zeigt dem Gegenüber, dass man in friedlicher Absicht kommt. Dein Hund ist entspannter und steigert sich nicht rein. Dein Gegenüber ist entspannter.
Ein klarer, starrer, nach vorn gerichteter Blick ist allerdings nicht so freundlich und hat eine bedrohende Wirkung.
Wie fängst du jetzt mit dem Training der freiwilligen Umorientierung an?
Schritt 1: Als Erstes musst du deinen Hund beobachten und ummotivieren
Such dir einen Ort an dem dein Hund Reize in weiterer Umgebung wahrnehmen kann. Du brauchst einen Abstand und einen Reiz bei dem dein Hund ihn zwar wahrnimmt, aber noch gut ansprechbar ist. Idealerweise gehst du an Orte, bei dem der Reiz nicht weiter frontal auf dich und deinen Hund zukommt, denn dann wird die Situation mit sinkendem Abstand immer schwieriger für euch. Und wähle den Ort so, dass der Reiz nicht plötzlich um die Ecke kommt.
So und dann heißt es beobachten:
Sobald dein Hund einem Reiz gegenüber aufmerksam ist, sobald der Kopf und die Ohren und die Körperhaltung deines Hundes nach oben und vorn gehen, genau in dem Moment, lobst du deinen Hund.
Was loben? Ja genau den Moment musst du einfangen und deinen Hund loben.
Aber bitte lob deinen Hund nicht nur so halbherzig. Lob ihn richtig mit Energie und Pfeffer. Du musst deinem Hund genau im ersten Moment der Reizwahrnehmung zeigen, dass es sich wirklich lohnt den Blick abzuwenden. Damit motivierst du deinen Hund sich vom Reiz abzuwenden und lobst somit die Umorientierung vom Reiz.
Lock ihn freundlich aus dem ersten Moment heraus und lobe das Abwenden!
Tipp: Verwende nicht unbedingt den Namen deines Hundes. Wenn du deinem Hund mit dem Namen rufst, gibst du ihm eine Aufgabe. Dein Hund muss jetzt entscheiden, ob es sich wirklich lohnt sich vom Reiz abzuwenden. Setz stattdessen gleich an der Emotion Freude und Glück an, indem du direkt ein Lobwort verwendest, bei dem dein Hund direkt denkt: „Ja hab ich geil gemacht, stimms Mutti.“.
So jetzt hast du deinen Hund vielleicht im ersten Moment ummotiviert bekommen. Und nun?
Wenn sich dein Hund im ersten Moment vom Reiz abgewandt hat und sich vielleicht auch ein Leckerli abgeholt hat, dann darf er gern wieder zum Reiz hinsehen. Wir wollen deinem Hund nicht grundsätzlich das schauen verbieten. Wir wollen ihn nicht komplett weglenken und ablenken. Wir wollen nur, dass er lernt, dass sich Blick abwenden lohnt. Das bedeutet, dass der Moment, wo dein Hund zum 2., 3. oder 4. Mal wieder hinschaut, wieder eine neue Chance ist deinem Hund umzumotivieren. Du kannst ihn dann einfach wieder mit einem Lobwort beibringen, dass sich abwenden lohnt.
Was ist wichtig?
💜 Natürlich das Timing. Der erste Moment der Reizwahrnehmung ist der wichtigste und entscheidend. Wenn dein Hund schon zu lange hinschaut, sich schon ein bisschen hineinsteigert und du dann erst anfängst umzumotivieren, dann wird die Übung tendenziell schlechter funktionieren.
💜 Die richtige Motivation ist natürlich auch wichtig. Du solltest so sehr loben, dass dein Hund sich wirklich zu dir umdreht. Steck so viel ehrliche Freude und positive Energie rein, dass dein Hund sich auch umdreht. Wir wollen ja natürlich nicht das intensive Hinschauen zum Reiz loben. Wenn dein Hund hinschaut und von dir aus dem Hintergrund nur „super“, „klasse“, „toll“ kommt, ohne dass dein Hund handelt, dann lobst du natürlich das falsche Verhalten. Geh gern ein bisschen Rückwärts, um deinen Hund auch körpersprachlich vom Reiz wegzulenken.
💜Eine klare Einschätzung der Situation ist Voraussetzung für euren Erfolg. Trainiere erst einmal an sehr einfachen Reizen und in sehr einfachen, unspektakulären und ruhigen Situationen. Nur so werdet ihr erfolgreich trainieren und nur so kann dein Hund überhaupt begreifen, dass Umorientierung vorteilhaft ist. Frag dich immer: Würde sich dein Hund jetzt auf deine Motivation hin umdrehen?
Wenn ja. Go! Motivier deinen Hund um!
Wenn nein. Lass es lieber und verlang erstmal nix von deinem Hund. Oder mach alles so wie bisher.
Wenn du dieses Ummotivieren bei allen kleinen unspektakulären Alltagssituationen trainierst. Wenn du dieses Ummotiveren sehr oft gemacht hast, kannst du langsam in Trainingsschritt Nummer 2 übergehen.
Schritt 2: Nun wartest du auf die selbstständige und freiwillige Umorientierung und lobst diese.
Hat sich dieses Ummotivieren schon sehr in euren Alltag eingeschlichen, klappt es überwiegend gut, kannst du in einfachen Situationen auch einfach mal nix sagen und darauf warten, dass dein Hund sich von allein von einem Reiz abwendet und erst dann lobst du deinen Hund.
Das ist ja das, was wir letztendlich wollen: die freiwillige und selbstständige Umorientierung deines Hundes. Ohne ein Signal.
Das Ganze läuft oft so ab: Du hast deinen Hund in einer Situation schon 2 oder 3 mal ummotiviert. Und dann sagst du mal nix. Du wartest nur, bis dein Hund auf die Idee kommt sich von allein abzuwenden.
Genau das ist der Trainingsschritt 2. Genau das ist der Moment, wo dein Hund sich nicht mehr aufgrund deiner Motivationsworte umdreht, sondern weil das Abwenden ritualisiert wurde und weil dein Hund bereits gelernt hat, dass es sich lohnt.
Ganz wichtig: Egal in welchem Trainingsschritt du gerade steckst.
🩶 Versuch deinen Hund nicht pausenlos mit dem Leckerli vor der Nase abzulenken. Versuch nicht zu vermeiden, dass er hinschaut. Dein Hund darf kurz schauen und wahrnehmen, soll sich dann aber aufgrund deiner Motivation abwenden.
🩶 Falls du angefangen hast umzumotivieren, aber merkst, dass dein Hund weiter zum Reiz hinschaut. Wirf auch mal eine kurze, energievolle Korrektur in die Situation, um deinem Hund auch mitzuteilen, dass nicht zu reagieren falsch ist. Dann geh ein wenig weg vom Reiz und setz wieder neu an mit motivieren.
🩶 Wenn du merkst, dass du den Blick deines Hundes nicht vom Reiz abgewendet bekommst, dann breche die Situation ab. Dann war das einfach ein Fail.
🩶 Verwende zum Ummotivieren nicht den Namen, sondern sofort ein Lobwort, um deinem Hund nicht direkt eine Aufgabe zu geben, sondern direkt am Gefühl anzusetzen.
🩶 Nutz den ersten Moment! Das Timing ist so entscheidend für den Erfolg, denn wenn du im ersten Moment handelst, nimmst du damit deinem Hund direkt die Entscheidung ab, wie er sich verhalten soll.
🩶 Steiger nur langsam den Schwierigkeitsgrad, um wirklich erfolgreich zu trainieren.
🩶 Geh gern immer ein bisschen Rückwärts, um die Situation durch einen größeren Abstand zum Reiz zu erleichtern und deinen Hund auch körpersprachlich umzulocken.
Und was kommt nach der Umorientierung?
Egal ob sich dein Hund schon mehrere Mal durch deine Motivation abgewendet hat (Schritt 1) oder ob er sich ohne, dass du etwas gesagt hast abgewendet hat (Schritt 2). Irgendwann solltest du deinem Hund dann sagen, was er noch tun soll. Gib ihm nach mehrmaligem Abwenden auch ein Signal wie „Sitz“, „bei Fuß“, „bleib hinter mir“ oder ähnliches. Wenn du deinem Hund dann eine Aufgabe gibst, kann es ihm helfen den Fokus bei dir zu behalten.
Ich weiß, dieses Thema ist ein sehr komplexe Trainingsgeschichte. Jeder Hund und jeder Mensch ist andres. Jeder steckt an einem anderen Punkt fest. Jeder versteht diesen Artikel hier anders und setzt diese Variante des Trainings anders um.
Wenn du irgendwo stolperst, irgendetwas bei dir nicht funktioniert, oder wenn du irgendwelche Fragen dazu hast, dann schreib mir unbedingt. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die euch vielleicht noch fehlen, damit auch dein Hund lernt, dass sich freiwillige Umorientierung lohnt. Damit sich dein Hund nicht mehr in Situationen hineinsteigert, sondern gedanklich bei dir und ansprechbar bleibt.
Oder hinterlass mir einfach einen Kommentar!
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Schreib doch gern einmal in die Kommentare.
Hat dir der Beitrag geholfen? Hattest du AHA Momente?
Sehr spannend und hört sich total logisch an… werde versuchen es so aufzubauen. Bisher haben wir mit „lass es/ihn sein“ gehandelt auf anraten einer Hundetrainerin (war teuer und hat nur wenig geholfen☹️) er reisst trotzdem bei jedem Hund aus welcher uns über den weg läuft.
Danke für deinen Bericht. Habt ihrs jetzt mal anders gemacht und ausprobiert?
Ich finde deine Ratschläge super bitte weiter so gruß conni
Vielen lieben Dank für das Lob 🙂