Zwischen Routine und Flexibilität: Finde das richtige Maß an Ritualen in deinem hündischen Alltag

Wir stehen frühs auf, ziehen uns an, putzen Zähne, trinken eventuell einen Kaffee, gehen eine Runde mit dem Hund spazieren. Fahren auf Arbeit, 12 Uhr ist Mittagspause. Dann noch ein bisschen was arbeiten. Feierabend. Nach Hause. Vielleicht nochmal einkaufen. Nochmal eine Runde spazieren gehen. Vielleicht zu einem Gassidate treffen. Nach Hause. Abendbrot. Fernseher. Ab ins Bett.

So oder so ähnlich verläuft der Alltag bei vielen Menschen. Jeden Tag die gleichen Abläufe. Jeden Tag die gleichen Gewohnheiten. Nix besonderes. Ja genau das ist ein total ritualisierter Alltag. Der braucht nicht viel Kraft, denn du musst dir nicht viel Gedanken machen, was wohl als Nächstes ansteht. Du hast keine enorm großen Herausforderungen. Der Alltag ist einfach total eingeschliffen. Die Einen lieben es. Die Anderen hassen es. Je nachdem welcher Typ Mensch du bist wirst du Rituale toll finden. Oder du bist total genervt und brauchst Abwechslung.

Eine Frage an dich: Welcher Mensch entwickelt sich weiter? Der, der immer den gleichen eingefahrenen Alltag hat? Oder der Mensch, der die Herausforderungen und die Veränderungen sucht?

So. Das war zwar ein menschliches Beispiel. Aber das veranschaulicht ziemlich genau, wie es auch im Leben unserer Hunde ist. Rituale können toll sein. Gerade sehr unsichere Hunde bekommen durch Rituale in ihrer Welt mehr Sicherheit. Sie haben etwas, woran sie sich festhalten können. Auch hibbelige Hunde können durch Rituale und gleichbleibende Gewohnheiten schneller herunterfahren.

In einem ritualisiertem Alltag passiert nix Unerwartetes. Es baut sich eine Erwartungshaltung auf, die meist auch erfüllt wird und das macht das Leben grundsätzlich einfacher. Rituale ersparen uns und unseren Hunden, Entscheidungen immer wieder neu treffen zu müssen. Ja das macht das Leben auf dem ersten Blick einfach.

Aber wehe es kommt einmal anders, als geplant. Dann bekommen ritualisierte Hunde und ihre Menschen Stress. Die aufgebaute Erwartungshaltung wird nicht erfüllt. Je nachdem welche Art von Hund du zu Hause hast, machen sich Gefühle wie Angst, Unsicherheit, Frust, Unruhe und Hibbeligkeit breit.

Schuld ist die Gewohnheit und die Erwartungshaltung.  

Aber was ist jetzt nun richtig für deinen Hund? Rituale ja oder nein? Was tut deinem Hund gut und was bringt eher Probleme mit sich?

Lass uns einen Blick auf einige Beispiele werfen.

 

Rituale in der Mensch Hund Kommunikation:

Wenn du deinem Hund ein Signal immer wieder auf die gleiche Art und Weise gibst. Wenn du das Sitz immer in der gleichen Tonlage, immer mit dem gleichen Handzeichen gibst, dann wird dein Hund natürlich sehr viel besser verstehen können, was du möchtest. Er hat ja gelernt, wenn du das „Sitz“ in dieser bestimmten Tonlage und Körpersprache gibst, dann hat das einen Vorteil für ihn. Das bringt deinem Hund und vor allem auch dir Erwartungssicherheit, weil ihr euch super versteht. Aber stell dir mal vor, du hast das stimmliche Sitzzeichen und das Handzeichen niemals getrennt voneinander trainiert. Du hast die Hände mit dem Einkauf voll und sagst deinem Hund nur das Signal. Dein Hund wird dich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht sofort so gut verstehen. Ebenso, wenn du gerade mit deinem Chef telefonierst und deinem Hund nur das Handzeichen geben kannst, weil du nicht mitten ins Gespräch ein Sitz werfen möchtest. Dann wird dich dein Hund ebenso weniger verstehen. Mach es doch zukünftig immer mal anders. Immer mal unterschiedlich!

Rituale beim Erlernen von Signalen:

Beim Erlernen von neuen Signalen sagt man zunächst: Mach viele Wiederholungen im gleichen Kontext. Damit sich das Verhalten einschleift. Ja das ist auch absolut richtig. Im ersten Trainingsschritt solltest du unbedingt immer darauf achten, dass die äußeren Umgebungen, deine Art und Weise und der Ablauf an sich immer gleich ist. Damit dein Hund zunächst die gewünschte Handlung mit deinem Signal verknüpfen kann.

Aber wenn du das Signal dann festigen möchtest, solltest du unbedingt Veränderungen hineinbringen. Dann sind total feste ritualisierte Abläufe eher kontraproduktiv, weil dein Hund nicht verallgemeinern kann. Ein Sitz in der Wohnung und ein Sitz auf der Hundewiese sind für dich vielleicht ein und das Selbe. Für deinen Hund nicht. Er muss erst lernen, dass dein Signal die selbe Bedeutung hat. Bau unterschiedliche Trainingsabläufe ein. Trainiere an verschiedenen Orten. Mit unterschiedlichen Personen.

Rituale bei Problemverhalten:

Nehmen wir doch mal das allzeit beliebte Beispiel der Hundebegegnung. Vielleicht hat dein Hund mal eine blöde Erfahrung mit Artgenossen gemacht. Vielleicht hat dein Hund mal gelernt, dass du ihn nicht beschützen kannst. Vielleicht hat dein Hund aber auch gelernt, dass mit anderen Hunden immer Freude, Spaß und Action herrscht. Egal was. Dein Hund hat bereits eine bestimmte Erfahrung gemacht. Jetzt gehst du mit ihm in eine Hundebegegnung und dein Hund wird von mal zu mal in seiner Einstellung bestätigt. Weil seine Angst und Unsicherheit nicht erkannt wird. Weil er immer wieder zu anderen Hunden hingelassen wird und immer Action herrscht. Weil es immer irgendwie wuselig ist. Dann wird sein Gefühl mit jeder bestätigten Erfahrung gestärkt.

Gleichzeitig hat er vielleicht schon versucht die Situation erfolglos zu deeskalieren. Weggehen konnte er nicht. Die Situation durch Übersprungshandlungen auflockern hat nicht funktioniert. Aber: Nach vorne gehen und kläffen hat super funktioniert.

Jeden Tag immer wieder die gleiche Situation. Der gleiche Ablauf. Umso öfters die Hundebegegnung genauso stressig abläuft, umso ritualisierter und verankerter wird die Strategie deines Vierbeiners. Dein Hund wird irgendwann nicht mehr groß darüber nachdenken, wie er sich verhalten soll. Er tut es einfach. Weil es immer so ablief.

Um da wieder herauszukommen, musst du diese Rituale erkennen und aufbrechen! Nur dann kann sich etwas verändern.

 

Wie du jetzt vielleicht herausgelesen hast: Rituale können helfen. Rituale können aber auch schädlich für euren Alltag sein.

Rituale, Erwartungshaltungen, Gewohnheiten und gleiche Abläufe bringen Struktur, schaffen Erwartungssicherheit, rauben wenig Energie und machen das Leben erst einmal leicht. Rituale können aber auch Stress, Frust und Probleme verursachen.

Der Wichtigste Punkt ist allerdings: Rituale lassen dich und deinen Hund nicht wachsen. Sie halten euch in einer sicheren Komfortzone. Klar, wenn du aus Ritualen heraustrittst stehst du mit deinem Hund erst einmal vor Herausforderungen. Aber diese sind da, um gemeistert zu werden.

Ich habe eine kleine Aufgabe für dich: Nimm dir jetzt einmal einen Zettel und einen Stift und schreib dir einmal auf, welche Rituale euren Alltag bereichern, weil sie euch in einem sicheren Hafen halten. Und dann schreib dir mal Rituale aus eurem Alltag auf, die euch eher vor Herausforderungen stellen, weil sie Probleme mit sich bringen.

Wenn du etwas an den herausfordernden Ritualen ändern möchtest, dann schreib gern noch dazu, welche Veränderungen du vornehmen könntest. (Falls du Fragen dazu hast, schreib mir auch gern)

Wie du das richtige Maß an Ritualen für dich und deinen Hund findest?

Das ist natürlich abhängig von dir und deinem Charakter und ebenso vom Charakter deines Hundes. Ich denke, grundsätzlich ist ein gutes Mittelmaß empfehlenswert.

Gewisse Rituale, gespickt mit einem abwechslungsreichen Alltag. Da können sich unsere Hunde an etwas festhalten, gleichzeitig werden sie in einem guten Maße an neue Situationen herangeführt.

    Ein Problem gibt es noch: Wenn Rituale für uns total unbewusst entstehen.

    Unsere Hunde haben 24 Stunden am Tag Zeit uns zu beobachten. Sie können genau erkennen, welche Handlungen aufeinander folgen. Hier einige Beispiele von tausenden Beispielen:

    🩶 Die Tür klingelt und etwas passiert. Entweder kommt Besuch oder der Postbote kommt. Du stehst auf jeden Fall immer auf, gehst zur Tür und die Situation ändert sich. Aufregung macht sich breit. Irgendwann ist das Klingeln schon die Ankündigung für Aufregung.

     

    🩶 Du triffst dich vielleicht öfters mit anderen Mensch Hund Teams. Deine Fellschnute darf nach einem kurzen Zurücknehmen Vollgas geben. Damit verknüpft dein Hund sehr schnell, dass das Treffen mit dem Hundekumpel immer sehr aufregend ist. Bei den nächsten Malen lasst ihr die Hunde sehr viel spielen und rumwuseln. Fordert ihr dann einmal Ordnung ein, wird es deinem Hund sehr schwer fallen, denn es hat sich die Erwartungshaltung: Hundekumpel = Action aufgebaut. Besser: Macht öfters Trainingsspaziergänge. Fordert lange Ordnung ein, ehe die Hunde Vollgas geben dürfen. Baut viele Entspannungsphasen ein.

     

    🩶 Vielleicht war dein Hund mal klein, süß und niedlich und wurde von allen Menschen begrüßt. Als er hochgesprungen ist, bekam er dennoch sehr viel Aufmerksamkeit. Vielleicht können manche Menschen in deinem Umfeld deinen Hund einfach nicht ignorieren, sodass dein Hund ständig für Aufregung, Hochspringen und Co. Aufmerksamkeit bekommt. Damit schleift sich bei deinem Hund ein: Besuch ist toll. Das Aufregungsniveau geht hoch und du wirst Probleme haben ihn herunterzufahren.

     

    🩶 Es läuft doch immer so ab. Du ziehst die Gassiklamotten an, schnappst dir Halsband oder Geschirr und Leine und dann geht’s los zum Spaziergang. Dann wirken viele Eindrücke und Reize auf deinen Hund ein. Reize, die ihn vielleicht hier und da überfordern. Reize, die sein Aufregungsniveau hochpushen. Was passiert: Deine Gassiklamotten und das Anziehen deines Hundes ist schon Grund genug für deinen Hund mit dem Energielevel hochzufahren. Besser: Nimm dir mega viel Zeit für den Start des Spazierganges und bau viele Ruhephasen ein, damit die Erwartungshaltung „überfordernde Reize“ nicht erfüllt werden.

     

    🩶 Dein Hund läuft frei. Du leinst ihn an. Wenn du dies oft tust, weil ein anderer Hund in Sichtweite ist, weil ein Fußgänger kommt oder ähnliches, dann wird dein Hund sich irgendwann umsehen, wenn du ihn anleinen möchtest. Weil er die Erwartung hat: Gleich kommt etwas. Besser: Lein ihn einfach mal so ganz nebenbei, auch wenn nix passiert, an.

     

    🩶 Ebenso ist der Effekt beim Ableinen. Wenn du deinen Hund oft ableinst und ihm das Go gibst, dass er jetzt losflitzen darf, dann wird er bei jedem Ableinen gleich losstürmen wollen. Wenn du ihn allerdings oft ableinst, ihn nicht die Freigabe gibst, sondern ihn wieder anleinst, dann änderst du die Erwartungshaltung des Ableinens.

     

    🩶 Ein klassisches Beispiel: Du fütterst deinen Hund immer nachdem du vom Gassi nach Hause kommst. Natürlich wird dein Hund nach kurzer Zeit schon voller Erwartung in Richtung Küche laufen. Es läuft ja immer so. Besser: Fütter deinen Hund ganz wahllos. Nicht nach irgendeiner Handlung. Nicht nach irgendeiner Zeit. Dann entsteht kein forderndes oder aufgeregtes Verhalten. Zumindest ist die Wahrscheinlichkeit geringer.

     

    🩶 Dein Hund kommt, stupst dich an. Du streichelst ihn. Dein Hund fietscht, du schaust was er hat, sprichst ihn vielleicht auch an. Läuft es immer so, dann wird dein Hund ganz schnell lernen, wie er dich steuern kann.

     

     

    Möchtest du etwas verändern, musst du Rituale durchbrechen, um Erwartungshaltungen zu ändern, damit setzt du im Übrigen genau am Thema Frust ertragen lernen an.

    Kleiner Tipp: Hol dir gern meine kostenlose PDF 20 Ideen für das Frustrationstraining deines Hundes um nicht nur Impulskontrolle zu trainieren, sondern im Frustrationstraining einzusteigen.

     

    Wenn es um Rituale geht, geht es im Grunde darum Gewohnheiten und Abläufe zu erkennen und gegeben falls zu ändern, um Erwartungshaltungen abzubauen. Wenn dein Hund nicht weiß, was kommt, baut sich keine Erwartung auf. Wenn es keine Erwartung gibt, kann er nicht enttäuscht werden. Es entsteht kein Frust.

    Rituale und immer gleiche Abläufe können Sicherheit geben und sind zweifelsfrei an der einen und anderen Stelle richtig gut und so lange du keine Probleme mit ritualisiertem Verhalten hast, dann mach einfach so weiter! Hör dabei auf dein Bauchgefühl.

     

    Psssst: Es gibt auch Rituale die richtig super sind. Rituale, die die Kommunikation verbessern, die Ruhe in euren Alltag bringen, die eure Beziehung stärken. Ganz konkrete Beispiele findest du in den Quick Tipps. Hüpf fix noch rein und wachse mit deinem Hund zusammen.

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