Die fehlende Impulskontrolle deiner Fellschnute verstehen und trainieren. Die Kunst der Selbstbeherrschung.
Impulskontrolle was ist das eigentlich?
Ein Beispiel aus unserem Menschenleben: Dein Chef meckert dich unfairerweise an. Das ist auch nicht das erste Mal. Du bist total genervt und wütend, würdest ihm am Liebsten die Meinung geigen. Aber du weißt, dass das für dich, das Arbeitsklima und vielleicht auch für den Chef jetzt nicht förderlich und angebracht wäre. Deswegen nimmst du dich zurück, atmest tief ein, gehst wieder an deinen Arbeitsplatz und hältst die Schnute. Wunderbar. Du hast dich zusammengerissen. Herzlichen Glückwunsch. Du hast Impulskontrolle.
Du hast ein Gefühl, in dem Fall Wut, Frust oder Zorn, aber gehst dieser Emotion nicht nach. Du handelst nicht sofort aus dem Gefühl heraus.
Damit unser Alltag harmonisch verläuft brauchen wir ganz viel Impulskontrolle. Genauso wie unsere Hunde.
Impulskontrolle ist die Fähigkeit, Impulsen aus der Umwelt, die die Gefühlslage und Emotion angreifen, zu widerstehen. Dabei kann die Emotion negativer Natur sein, wie in dem Beispiel mit dem meckernden Chef. Die Emotion kann aber auch positiver Natur sein.
Du willst erst mal ein menschliches Beispiel? Ok, stell dir vor deine Lieblingsgassischuhe sind kaputt und gerade neu im Angebot. Sie sind sonst richtig heftig teuer, aber kosten heute nur den halben Preis. Du würdest sie gerne sofort kaufen, aber dein Konto sieht jetzt nicht sooo prickelnd aus. Dem Reiz: „Ich will die Schuhe kaufen“, der Freude über den halben Preis. Dem zu widerstehen, das ist Impulskontrolle.
Im Prinzip ist es immer das Gleiche: Es taucht ein Reiz auf, der eine Emotion auslöst, dieser Emotion zu widerstehen, sich selbst zu beherrschen, sich erst einmal zurückzunehmen, sich so weit zu regulieren und zu kontrollieren, dem Impuls standhaft zu bleiben und nicht gleich zu handeln. Das ist Impulskontrolle.
Beim Hund sind das dann solche Themen wie: Ich möchte da jetzt hinterher flitzen… Ich möchte den Menschen jetzt anspringen… Ich muss diesen Hund jetzt angreifen… Ich will das jetzt aber fressen…
Impulskontrolle wird daher oft mit Begriffen wie Selbstkontrolle oder Selbstbeherrschung verknüpft.
Zur Impulskontrollfähigkeit gehört ebenso, dass ein Verhalten beendet werden kann, um ein anderes Verhalten zeigen zu können. Ich muss die Netflix-Serie abschalten und mich vom Sofa erheben, um den Haushalt zu machen. Gelingt mir das, dann habe ich Impulskontrolle gezeigt.
Dein Hund muss mit Buddeln aufhören, um auf deinen Rückruf zu reagieren. Dein Hund muss mit dem intensiven Schnüffeln aufhören um ordentlich bei dir bei Fuß zu gehen. All dies kostet deinem Hund Impulskontrolle.
Was die Impulskontrolle deines Hundes negativ beeinflusst? Stress! Hat dein Hund zum Beispiel Hunger, Schlafmangel, Schmerzen oder Krankheiten, dann ist er anfälliger für impulsive Handlungen. Dann hält er tendenziell nicht so vielen Reizen stand.
Auch ein ständiges Unterdrücken von Bedürfnissen durch beispielsweise Training über Strafen, Druck und Zwang führt dazu, dass dein Hund nicht so viel Selbstkontrolle zeigen kann. Außerdem ist das Alter, die Erfahrungen und der Alltagsstress ein Einflussfaktor auf die Impulskontrolle deines Hundes.
Die Funktion des Gehirns, die Fähigkeit der Selbstkontrolle, kostet extrem viel Energie. Diese Energie und somit auch die verfügbare Impulskontrolle ist nicht unendlich. Sie ist nicht immer im gleichen Maße verfügbar.
Impulskontrolle ist irgendwann aufgebraucht und muss neu aufgetankt werden
Ich habe mal einen Satz gehört, der ungefähr so klang: „Die Impulskontrolle deines Hundes verschlechtert sofort die Fähigkeit zur Impulskontrolle.“ So und jetzt lies den Satz noch einmal durch, um ihn wirklich zu verstehen.
Hat dein Hund einmal sich zusammengerissen und gut beherrschen können, dann beeinflusst das das darauffolgende Verhalten negativ in dem Sinne, dass dein Hund nicht mehr so viel Impulskontrolle verfügbar hat. Wie ein Glas, was sich Stück für Stück leert und irgendwann wieder aufgefüllt werden muss.
Hat dein Hund zum Beispiel brav gewartet und ist sitzen geblieben, obwohl in Sichtweite andere Hunde gespielt haben, dann passiert folgendes:
💜 Seine Konzentrationsfähigkeit nimmt ab.
💜 Seine Ausdauer beim Lösen schwieriger und frustrierender Aufgaben nimmt ab.
💜 Dein Hund könnte aggressiver und reaktiver auf Schlüsselreize reagieren.
Wie sich das äußert? Indem dein Hund zum Beispiel ein Sitz nicht mehr ausführen kann und immer wieder aufsteht. Indem er vermehrt Übersprungshandlungen zeigt. Indem er 5 Hundebegegnungen super gemeistert hat und bei der 6. und 7. Begegnung ausflippt. Indem er beim Agility irgendwann immer stolpert oder Hindernisse nicht mehr sauber absolviert. Und so weiter. Ich könnte die Liste bis ins Unendliche verlängern.
Wie dein Hund seine Impulskontrollfähigkeit, seine Selbstkontrollfähigkeit wieder auftankt?
Im Grunde, wenn man es mal wissenschaftlich betrachtet, verursacht so ein Gassigang mit vielen Reizen, dem der Hund nicht nachgehen kann, Stress. Das Stresshormon Cortisol wird im Körper gebildet. Dieses muss wieder abgebaut werden, damit dein Hund wieder entspannt ist und sich die Impulskontrolle auflädt.
Deswegen sind ausreichende Erholungsphasen, Schlaf und Ruhe oder auch ganze Ruhetage soooo wichtig für deine Fellschnute. Man sagt nicht umsonst in der Hundeerziehung: „Nach müde kommt doof!“ Wenn dein Hund sich nicht ausreichend erholen kann, kann er das Erlebte nicht verarbeiten, kann das Stresshormon im Körper nicht abbauen und die Impulskontrolle nicht wieder auffüllen. Und das Ergebnis wäre dann ein überreizter Hund, der viele Übersprungshandlungen zeigt.
Eine Alternative zur absoluten Ruhe wäre, dass du mit deinem Hund etwas machst, bei dem er keine herausfordernde Aufgaben erfüllen muss, etwas was ihn runterfährt und entspannt. Zum Beispiel einen Kauartikel kauen, oder Leckerlis im Gras suchen und fressen.
So jetzt hast du schon eine Ahnung, was Impulskontrolle ist, wie es sich abbaut und wieder aufbaut. Aber wie gehst du jetzt damit im Alltag um? Wie kannst du die Selbstkontrolle deines Hundes steigern?
Dass du auf ausreichend Ruhe und auf nicht übermäßig viel Stress achten solltest ist klar. Aber wusstest du, dass ein Hund, der es super aushält vor einem vollen Futternapf zu warten, nicht gleichzeitig ein Profi darin sein muss einem rennendem Reh zu widerstehen?
Impulskontrolle kann dein Hund nur situationsspezisfisch erlernen.
Die Fähigkeit zur Impulskontrolle wird von deinem Hund nicht generalisiert. Das bedeutet, dass dein Hund immer an dem Thema trainieren und lernen sollte, an dem er sich schlecht zusammenreißen kann. Wenn dein Hund in einer Situation gelernt hat zu warten, kann er nicht zwangsläufig in einer anderen warten.
Als Beispiel: Wenn dein Hund losspringt, wenn deine Kinder mit dem Ball spielen, dann solltest du in diesem Kontext auch trainieren. Du solltest nicht erwarten, dass dein Hund, nur weil er entspannt bei einem öffentlichen Fußballspiel zuschauen kann, auch das Fußballspiel deiner Kinder jetzt akzeptiert.
Trainiere also immer direkt in kleinen Schritten genau an dem Thema, welches noch mehr Beherrschung deines Hundes erfordert.
Wie du die Selbstkontrolle deines Hundes stärkst
Wichtig für dich zu wissen: Dein Hund verbraucht Impulskontrolle bei jeder kleinsten Entscheidung. Wenn du ein Sitz oder den Rückruf bei deinem Hund abfragst und die Umwelt ihn lockt, muss er sich entscheiden zwischen zwei Optionen. Er stellt sich immer die Frage: Was lohnt sich gerade mehr.
Oder wenn die Umwelt mit den viele Gerüchen deinen Hund stark ablenkt oder du deinen Hund freundlich aus dem Schnüffeln unterbrechen musst, wird dein Hund Impulskontrolle zeigen müssen. Er muss ein Verhalten beenden, um ein anderes auszuführen.
Deswegen muss du unbedingt im Training beachten, dass sich die Impulskontrolle für deinen Hund lohnen muss. Das Abwenden vom Reizen, das Beenden von einer Handlung, muss lohnenswert für deinen Hund sein.
Wenn dein Hund Impulskontrolle zeigt und sich zum Beispiel vom fremden Hund abwendet oder wenn er stehenbleibt, obwohl ein Hase euch über den Weg rennt, dann muss sich das Abwenden und Stehenbleiben für deine Fellschnute lohnen.
Fokussiere dich unbedingt immer auf positives Verhalten, bestärke das Zurücknehmen, damit dein Hund lernt, dass es sich lohnt Impulskontrolle zu zeigen.
Bei der Bestätigung ist natürlich auch die Belohnung ein entscheidender Faktor, ob sich dein Hund jetzt zurücknimmt und beherrscht oder nicht.
Was viele nicht wissen: Die Belohnung, die du wählst, sollte bestenfalls zur Motivation deines Hundes passen, damit du die Impulskontrollfähigkeit in der Situation verstärkst.
Ein Beispiel. Dein Hund will unbedingt am nächsten Baum schnuffeln, du lässt dich natürlich nicht dort hin ziehen und verlangst erst einmal ein Sitz. Dein Hund setzt sich hin, unterbricht seine eigentliche Handlung und zeigt Impulskontrolle. Wie kannst du ihn jetzt dafür belohnen? Die beste Belohnung für deinen Hund wird es sein, dass du das ok gibst, dass er jetzt am Baum schnüffeln darf.
Dein Hund hat sich zurückgenommen und hat als Belohnung genau das bekommen, was er ursprünglich wollte. Natürlich ist das leider nicht immer möglich. Und auch nicht immer vorteilhaft (dazu aber später), aber das ist die werthaltigste Belohnung für deinen Hund.
Wenn es nicht immer möglich ist deinen Hund mit dem zu belohnen, was er eigentlich wollte, dann darfst du kreativ sein und Ersatz finden. In dem Beispiel wäre eine Alternative zum Beispiel ein kurzes Futtersuchspiel.
Wie immer, so gilt auch beim Training zum Thema Impulskontrolle: Fordern aber nicht überfordern. Bleib immer an der Grenze, mein Hund hält es gerade aus. Nur dann kann dein Hund lernen. Nur dann vermeidest du übermäßigen Stress und nur dann wird die Impulskontrolle deines Hundes nur Tröpchenweise aufgebraucht. Wenn du deinen Hund überforderst schüttest du quasi sein Glas voller Impulskontrolle weg! Dann ist es leer und dann kann kein adäquates Training stattfinden. Dein Hund soll ja letztendlich lernen, dass sich Selbstkontrolle und Zurücknehmen lohnt und nicht voller Druck und Überforderung und Verzweiflung erschöpft sein.
Du willst weiteren Input zum Thema Impulskontrolle. Dann steig fix noch in die Hundeheldinnen Quick Tipps ein und lass dich von den täglichen knackigen Impulsvideos inspirieren. Sie sind vollgepackt mit Infos, Ideen, Übungen und Gedankenanschubsern.
So jetzt noch zu einem für mich absolut wichtigem Thema: Impulskontrolle schön und gut, aber….
Mach das Gegenteil von dem was dein Hund erwartet!
Hä? Was? Warum?
Wenn du nur an der Impulskontrolle arbeitest, dann lernt dein Hund sich zwar zurückzunehmen, aber die Erwartungshaltung und damit der erste Impuls bleibt.
Ich erklärs dir: Du bereitest zum Beispiel das Futter deines Hundes vor, stellst es auf den Boden und wenn er fein gewartet hat, bekommt er das ok und darf losschnappern. Alles schön und gut. Damit lernt dein Hund dass es sich lohnt sich zurückzunehmen. Du trainierst die Impulskontrolle.
ABER im Prinzip sitzen die meisten Hunde mega angespannt, wie eine tickende Zeitbombe da. Sie können das ok kaum abwarten. Warum? Weil sie genau wissen, dass gleich das ok kommt und ihre Erwartungshaltung erfüllt wird.
Wie wäre es, wenn du im Alltag nicht nur an der Impulskontrolle, sondern richtig an der Frustrationstoleranz trainierst? Dann solltest du öfters mal das Gegenteil machen von dem was dein Hund erwartet. Dann ändert sich nämlich seine Erwartungshaltung.
Interessiert dich das Thema Frust ertragen lernen? Dann hol dir doch gern Hol dir die 20 Ideen für das Frustrationstraining deines Hundes.
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